2026-02-12 von Spacehuhn
Wir waren im Dezember 2025 auf dem 39. Chaos Communication Congress (39c3) in Hamburg und haben dort gemeinsam mit MysteryHack das Creature-Card Spiel organisiert. Wir waren begeistert und überwältigt von der positiven Resonanz und möchten hier einige unserer Erfahrungen sowie die Geschichte hinter diesem Projekt teilen. Dieser Beitrag basiert auf meinem englischen Blogpost auf der MysteryHack Website und wurde von mir ins Deutsche übersetzt.
Das Creature Spiel

Das Grundkonzept ist simpel: Man läuft über den Congress und sammelt Kreaturen (Creatures), indem man NFC Karten mit der Mystery Journal App scannt. Es ist eine digitale Schnitzeljagd kombiniert mit einem Sammelkartenspiel. Und das Beste: Man kann eigene Creatures erstellen!
Wir hatten einen Kartendrucker und hunderte NFC-Karten dabei. Jeder konnte seine eigene Creature designen, diese fügten wir dann dem Spiel hinzu und druckten sie vor Ort aus.
Die Vielfalt der Creatures war eines der Highlights und verlieh dem Spiel eine besondere Dynamik. Ständig tauchten neue Creatures an neuen Orten auf, und die Spieler wurden motiviert zu erkunden und zu sammeln. Eine einfache, aber sehr effektive Spielmechanik.
Alle erstellten Creatures findest du unter cc.mysteryhack.com.
App-Idee

Nach dem Erfolg der bill badge auf dem 36c3 im Jahr 2019 wollten wir für den nächsten Congress etwas Ähnliches anbieten. Kurz darauf, im Januar 2020, begannen wir zu brainstormen. Das nächste Spiel sollte auch wieder die Interaktion mit anderen Spielern fördern. Wir diskutierten über verschiedene Technologien, unter anderem auch RFID, und als jemand ein Pokémon-ähnliches Spiel vorschlug, waren wir überzeugt.
Leider kam COVID-19, und die nächsten Jahre waren für uns praktisch verloren. Die Idee lag auf Eis. Mehrmals haben wir uns vorgenommen, es für den nächsten Congress oder das nächste Camp umzusetzen, schafften es aber nie rechtzeitig.
Bis zum WHY2025-Camp war die Idee bereits über fünf Jahre alt, doch fingen wir wieder an Ausreden zu finden und redeten uns ein, nächstes Jahr wäre es besser. Doch motiviert durch das Camp, war ich fest entschlossen, das Spiel auf dem 39c3 zu veranstalten! Da die Zeit knapp wurde und wichtige Teammitglieder nicht am Congress teilnehmen konnten, beschlossen wir, uns nur auf das Sammeln der Karten zu konzentrieren. Das bedeutete, dass wir keine eigene Hardware wie ursprünglich geplant entwickeln würden. Stattdessen wollten wir eine App zum Scannen und Sammeln der NFC-Karten entwickeln.
Die Idee, eine App zu entwickeln, war nicht neu. Ich hatte überlegt, sie parallel zur Hardware zu entwickeln, damit die Leute auch dann noch mitspielen können, wenn alle Badges ausverkauft sind. Doch angesichts des Aufwands für die Entwicklung eigener Hardware hatte die App bis dahein keine Priorität.
Technische Design Entscheidungen

Das Spielprinzip basiert auf physischer Interaktion, daher war es uns wichtig, es lokal, offline und einfach zu halten: kein Tracking, keine Benutzerkonten, keine Cloud, kein Schnickschnack. Natürlich schränkt dies die möglichen Funktionen ein, aber keine Benutzerkonten, persönlichen Daten und Serverabhängigkeiten zu haben ist sehr befreiend.
Wir speichern jede Creature vollständig auf einer NTAG216 NFC-Karte mit nur 888 Byte Speicher. Der Sprite ist 38x38 Pixel groß, mit lediglich 16 verfügbare Farben. Name, Eigenschaften und Secret sind ebenfalls in Länge und Zeichenauswahl begrenzt, um in diesen kleinen Speicher zu passen. Dadurch funktionieren unsere App und unser Spiel auch komplett offline. Unsere Website dient lediglich der Erfassung von Statistiken und der Präsentation aller erstellten Creatures.
Das Spiel selbst lebt also in der App und auf den Karten selbst. Somit kann es auch nach dem Congress weitergespielt werden, überall dort, wo die Creature-Cards mitgenommen werden! Die kleinen Bilder der Creatures verleihen dem Spiel zudem einen charmanten Pixel-Art-Stil und bieten eine Herausfoderung etwas besonderes zu designen, während der Zeichenprozess schnell und einfach für alle zugänglich bleibt.
Insgesamt sind wir der Meinung, dass die technischen Beschränkungen dem Spiel viel hinzugefügt haben und es unterhaltsamer, einzigartiger und zugänglicher gemacht haben. Einfach die App installieren und loslegen!
Statistiken

Als wir am 26. Dezember (Tag 0) ankamen und alles aufgebaut war, hatten wir nur wenige Karten vorbereitet. Deshalb kam unser Spiel nicht so richtig in Schwung. Da sich an Tag 1 nicht viel verbessert hatte, beschlossen wir, Kopien der ca. 30 vorbereiteten Creatures auszudrucken und über den Congress verteilt aufzuhängen. Innerhalb weniger Stunden hatten wir eine kritische Masse an Spielern und Creatures erreicht. Schon bald verbreitete sich unser Spiel wie ein Lauffeuer:
- Tag 0: 280 Scans
- Tag 1: 1.929 Scans
- Tag 2: 21.989 Scans
- Tag 3: 64.756 Scans
Es war wirklich erstaunlich zu sehen, wie schnell sich das Spiel ausbreitete und wie viel Spaß alle hatten.

Die Anzahl der gescannten Creature-Cards pro Minute zeigt die Aktivität der Spieler zu verschiedenen Tageszeiten. Der Spitzenwert an Tag 1 ist im Vergleich zu den Werten an Tag 2 und 3 verschwindend gering. Tag 0 ist im Diagramm gar nicht erkennbar, da die Scans dort im Vergleich zu den anderen Tagen so niedrig waren. Man sieht auch, dass der Congress an Tag 4 gegen 18 Uhr endete, woraufhin die Scans abrupt auf null sanken.
Obwohl die Zahlen im Diagramm Durchschnittswerte sind, gab es kurze Phasen mit 120 Scans pro Minute. Jeder Scan repräsentiert eine Person, die eine ihr unbekannte Creature findet und scannt; und das gleich zwei Mal pro Sekunde! 🤯
Am Ende des Congress hatten wir 1800 Spieler, 665 verschiedene Creatures auf 930 NFC-Tags und insgesamt über 110.000 Scans.
Und da jede Creature weniger als 1 KB groß ist, passt die gesamte Datenbank in eine JSON-Datei von weniger als 1 MB. Selbst unser günstiger VPS, auf dem Website und Datenbank liefen, erreichte zu keinem Zeitpunkt eine CPU-Auslastung von über 15 %!

Alle Statistiken zum Spiel finden Sie unter cc.mysteryhack.com/stats
Sir-Print-A-Lot

Der Star unserer ganzen Aktion war unser Kartendrucker, den wir liebevoll “Sir-Print-A-Lot” getauft haben. Es ist ein HID Fargo DTC4000, den wir günstig auf eBay ersteigert habe, weil er ungetestet war und niemand darauf geboten hat. Und er hat super funktioniert! Wir haben während des Congress fast 1000 Karten damit gedruckt. Unsicher ob er standhalten würde, waren wir froh das alles ohne Probleme geklappt hat.
Wir mussten den Druckvorgang am dritten Tag nur stoppen, weil die Warteschlange der Spieler, die ihre Creatures drucken wollten, zu lang wurde. Wir haben alle gebeten, keine neuen Creature Designs mehr einzureichen, da schneller neue erstellt wurden, als wir sie ausdrucken konnten! Vielleicht brauchen wir für den nächsten Congress einen Sir-Print-A-Lot-Faster 😬.
Da der Drucker schon etwas älter ist, sind die Treiber nur für Windows verfügbar. Das bedeutete, dass unsere terminalbasierte Software zum Managen und Drucken von Creatures in einem Windows PowerShell-Terminal lief, was bei einer Linux-dominierten Community Veranstaltung für einige interessierte Blicke sorgte.
Wie geht es weiter?

Zuerst müssen wir die Hardware fertigstellen! Das war die ursprüngliche Idee des Spiels, und daran halten wir fest. Mit dem Hardware-Badge könnt ihr eure Creatures trainieren und gegen andere Spieler kämpfen; etwas, das dem Spiel aktuell fehlt.
Wir haben die App bereits aktualisiert, sodass ihr eure Creature Sammlung importieren und exportieren könnt. Wir empfehlen euch dringend, das zu tun. Schließlich wird das Spiel mit dem 40c3 und darüber hinaus mit neuen Creatures und Funktionen fortgesetzt, und wir möchten nicht, dass ihr euren Fortschritt verliert.
Obwohl wir großes Glück hatten, dass unser Drucker durchgehalten hat, zeigt sein Druckkopf bereits Abnutzungserscheinungen, die auf einigen Karten sichtbar sind. Manche Farben sind auch leicht verfälscht, und die alten Treiber erlauben uns keine Korrektur. Für den nächsten Congress benötigen wir daher einen zuverlässigeren und schnelleren Drucker.
Wir möchten den gesamten Prozess vom Zeichnen einer Creature im Sketchbook bis zum Drucken optimieren. Er sollte einfacher und effizienter gestaltet werden, um lange Warteschlangen zu vermeiden, wie wir sie am dritten Tag erlebt haben.
Während wir auf den 40c3 warten, werde ich das Spiel erneut bei der Nacht der Wissenschaft in Bingen verantstalten. Das ist eine hervorragende Gelegenheit, das Spiel in einem anderen Umfeld und vor einem anderen Publikum zu testen. Außerdem bietet es einen guten Grund, die Codebase zu erweitern und Unterstützung für verschiedene Veranstaltungen hinzuzufügen.
Wir werden den Namen und das Branding des Spiels möglicherweise auch etwas anpassen, zum Beispiel in “Creature Cards”. Wir nannten die App “Mystery Journal”, weil wir ursprünglich mehr als nur Creatures hinzufügen wollten. Da wir nun aber ein besseres Verständnis für die Spielweise haben, ist es sinnvoll, uns auf den Aspekt zu konzentrieren, der den Spielern am wichtigsten ist. Außerdem ist ein einheitlicher Name für das Spiel und die App viel übersichtlicher.
Was die Open-Source-Veröffentlichung angeht, brauchen wir mehr Zeit! Nicht nur, um den Quellcode aufzuräumen, die Dokumentation zu schreiben und ein öffentliches Repository einzurichten, sondern auch, um einen klaren Plan für die Zukunft des Projekts und den Support zu entwickeln. Den Code einfach so zu veröffentlichen, würde jetzt nur zu mehr Arbeit und Problemen führen. (Denkt daran, dass wir das gesamte Spiel in unserer Freizeit entwickeln.) Viele von euch haben uns auf der 39c3 gefragt, ob/wie man das Spiel für lokale Veranstaltungen, in der Schule oder anderswo einsetzen kann, und das möchten wir ermöglichen! Gleichzeitig wollen wir sicherstellen, dass wir euch unterstützen und die benötigten Tools und Dokumentationen bereitstellen können. Das Spiel wirkt auf den ersten Blick einfach, aber es gibt viele zugrundeliegende Komponenten, die miteinander interagieren und deren Betrieb und Wartung umfassende Kenntnisse erfordern. Es ist nicht so einfach wie das Einrichten eines Webservers und der Kauf eines Kartendruckers. (Ich wüschte, es wäre so einfach! 😅)
Hoffentlich können wir die Codebase im Laufe der Zeit so weiterentwickeln, dass es einfacher zu maintainen und bereitzustellen ist, bei verschiedenen Events funktioniert und ein “Selbsthosting” ermöglicht, ohne die Werte des Spiels zu verlieren, die es so einzigartig und besonders machen 🙂.
Besondere Erwähnungen
Vielen Dank an alle Spieler, die teilgenommen haben, insbesondere an die Künstler, die so fantastische Creatures designed haben! Wir hatten so viele großartige Creatures auf dem Congress, die das Spiel lebendig, unterhaltsam und einzigartig gemacht haben. Ohne euch wäre das nicht möglich gewesen! Hier seht ihr alle Creatures, die während des Congresses entstanden sind:

The Red Mammoth war die allererste Creature, die wir freigegeben und gedruckt haben.
Herzlichen Glückwunsch an Teamobil, die am häufigsten gescannte Creature im Spiel! Danke, dass du uns Tee gebracht hast!
Am letzten Tag des Congresses fand ein Creature-Card-Meetup statt, bei dem Spieler ihre Karten untereinander scannten. Für uns war das einer der schönsten Momente des gesamten Events. Es war toll zu sehen, wie viele glückliche Spieler ihre Kreationen an einem Ort präsentierten und ein Spiel genossen, das es wenige Tage zuvor noch gar nicht gab.
Ein besonderes Dankeschön an die Person mit dem NFC-Implantat, die mutig genug war, uns eine Creature darauf flashen zu lassen. Das nenne ich Einsatz! Und nochmal Entschuldigung, dass ich dein Implantant versehentlich schreibgeschützt habe (keine Sorge, wir haben es nachträglich wieder zum Laufen gebracht 😅).
Die Creature Suspicious Button löste beim Scannen den entsprechenden Knopf auf dem Tisch aus und spielte lustige Geräusche ab. Wir würden uns freuen, beim nächsten Event mehr solcher Spielintegrationen zu sehen!
Es war toll das Polygen game wiederzusehen, das parallel zu unserem Spiel lief. Wir haben beobachtet, wie die Spieler ihre persönlichen Creature-Cards nutzten, um es zu spielen, was zeigte, wie perfekt sich unsere unterschiedlichen Spieldesigns ergänzten. Hoffentlich können wir bei zukünftigen Events noch mehr zusammenarbeiten!
Es war mir ein Vergnügen, den Freakshow Podcast 302 zu hören, in dem das Spiel zwischen Minute 28 und 34 erwähnt wurde.
Vielen Dank an alle, die uns eine Postkarte geschickt oder kleine Geschenke mitgebracht haben. Oder auch größere, wie die riesige gedruckte Bill-Cyber-Karte (siehe Foto vom Treffen oben). Ich habe die Karte an meiner Wand hängen!
Und natürlich vielen Dank an die unzähligen Freiwilligen, die bei der Organisation von 39c3 geholfen haben.